3x Fake

In 3 Stadtvierteln Istanbuls werden Widersprüche türkischer Politik und Gesellschaft sichtbar

Historisch, aber nicht alt

Die Mittelklasse in der Türkei sehnt sich nach Wohnen in historischem Ambiente, doch alt soll es möglichst nicht sein – es reicht der Schein.

Die Fassaden stehen noch entlang des Tarlabasi Bulvari, der sich vom Goldenen Horn hinauf zum Taksim-Platz zieht, doch schaut man durch ein Loch im Bauzaun, tut sich dahinter eine riesige Baustelle auf. Die Fassaden der alten Reihenhäuser – hoch, schmal, mit Erker – werden von großen, grauen Gerüsten gestützt. Von hinten ist noch die Zimmeraufteilung zu erkennen, doch die Häuser sind nur noch wenige Backsteine tief. Neben den Fassaden ragen noch zwei Kirchen aus der Baugrube – der Denkmalschutz verpflichtet.

Das Gelände von 20.000 Quadratmetern, auf dem das Wohnprojekt Tarlabasi 360 entstehen soll, war wie die umliegenden Straßen eng bebaut mit klassischen Istanbuler Reihenhäusern, drei oder vier Stockwerke hoch, wenige Fenster breit, 278 an der Zahl. Heute sind fast alle alten Häuser abgerissen, um Platz für eine riesige Tiefgarage zu machen, über der das Viertel in historisierendem Stil für die türkische Mittelklasse neu errichtet werden soll.

»Sie wollen das Historische, aber sie wollen nichts Altes«, meint Ugur Tanyeli dazu.

Auto
Haus

»In der Türkei muss das Historische brandneu und blitzblank sein«, sagt dem Blog Tarlabasi Istanbul, der die Entwicklung im Viertel kritisch begleitet. »Was gewünscht wird, ist die Illusion von Geschichte. Es soll historisch sein, aber keine Last der Vergangenheit tragen oder irgendwelche historische Patina.«

Im Verkaufsbüro gegenüber der Baustelle vermittelt ein Architekturmodell mit freundlich leuchtenden Fenstern potentiellen Investoren einen Eindruck des künftigen Viertels: Enge Straßen, gesäumt von schmalen Häusern, drei, vier Stockwerke hoch, wenige Fenster breit, viele Simse, Erker und Balkone. Auf den Dächern Penthäuser. Irgendwie historisch, doch nicht alt.

»Die Geschichte wird zum Dekor«, meint die Architekturhistorikerin Zehra Tonbul. Die historischen Fassaden seien nicht mehr als eine Kulisse, hinter der sich gänzlich moderne Wohn- und Bürogebäude verstecken. Die Regierenden suchten, Geschichte und Kultur der Stadt neu zu erfinden, nutzten zugleich aber das historische Erbe, um sich in Szene zu setzen.

Der Bezirksverwaltung von Beyoglu ist es wichtig zu betonen, dass der Komplettabriss der Bewahrung des Viertels dient. »Mit dem Tarlabasi Renovierungsprojekt werden nicht nur die Gebäude renoviert, sondern das Viertel wird sicherer, sauberer und lebenswerter«, verspricht sie. Der »kulturelle Reichtum« werde bewahrt und das »Äußere der Gebäude wird dem Original treu bleiben«.

»Was in Tarlabasi unter dem Schlagwort Konservierung getan wird, hat nichts mit echter Konservierung zu tun«, sagt dagegen der Architekturhistoriker Tanyeli. »Sie planen, allein die Gestalt der alten Gebäude zu reproduzieren. Das einzige, was sie konservieren, ist die Breite der Straßen. Alles, was herauskommen wird, ist ein historisierendes Viertel.«

Für das Volk, mit dem Volk

Stadterneuerung soll zum Nutzen der Allgemeinheit geschehen, doch am meisten profitiert ein Kreis von Bauunternehmern aus dem Umfeld der regierenden AK-Partei.

Das Projekt wurde 2005 auf die persönliche Initiative von Recep Tayyip Erdoğan in Angriff genommen, damals türkischer Ministerpräsident.

Als Grundlage für das Projekt wurde im Juni 2006 mit den Stimmen der AKP das Gesetz 5366 verabschiedet. Auch bekannt als Tarlabasi-Gesetz bildet es die rechtliche Basis für alle weiteren staatlichen Gentrifizierungsprojekte. Mit dem Gesetzt wurden diese Projekte von Steuern und Abgaben ausgenommen, was sie besonders lukrativ für Baufirmen macht.

Das Projekt in Tarlabasi wurde als Public-Private-Partnership entworfen und im Februar 2006 offiziell ausgeschrieben. Im April 2007 erhielt die Baufirma GAP den Zuschlag. GAP gehört zur Calik Holding Gruppe, deren damaliger Chef Berat Albayrak war – Erdogans Schwiegersohn. Auch zahlreiche weitere örtliche AKP-Granden sind an dem Projekt beteiligt.

Tarlabasi zeige, dass die staatliche Stadterneuerung vor allem zu Lasten der Armen gehe, notiert der Stadtplaner Oktem Unsal. »Die Armen werden verdrängt, ihre Wohnungsproblem verstärkt und ihre Armut wird vertieft, indem die Überlebensstrategien, die sie über die Jahre entwickelt hatten, sowie ihre informellen ökonomischen und sozialen Netzwerke zunichte gemacht werden.«

Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung nennt sich die AKP, doch als gerecht wird die Entwicklung in Tarlabasi wohl nicht in Erinnerung bleiben.

Tiefgaragen für die Mittelklasse

Nichts schlimmeres kann einem Archäologen in einer antiken Stadtlandschaft passieren als eine Tiefgarage, doch das ist der Preis der Gentrifizierung.

Die Süleimaniye Camii, die sich auf einem Hügel über dem Goldenen Horn erhebt, ist die größte und prächtigste Moschee Istanbuls. gepflegten Rasenflächen, Blumenrabatten und dem grandiosen Blickdie Treppe und wendet sich die Straße hinab nach links, findet man sich jedoch plötzlich in einer Ruinenlandschaft wieder: halb abgerissene Häuser ohne Türen, Fenster und Dach, Brachflächen voll Schutthaufen abgegrenzt von hohen Zäunen.

Bis in die 1950er Jahre war Süleimaniye ein bürgerliches Viertel, erzählt der Stadthistoriker Orhan Esen, während er an Hauswracks voller Müll den Hang hinabführt. Doch über die Jahre verarmte das Viertel und verfiel zusehends. Als fatal erwies sich das Denkmalschutzgesetz von 1985, das es Hauseigentümern verbot, auch nur die Regenrinnen zu reparieren, ohne vorher eine Genehmigung einzuholen, sagt Esen. Viele Besitzer ließen die Renovierung da lieber bleiben.

Der gesamte Hang von der Süleimaniye Camii sollte abgerissen werden, um Platz für eine Tiefgarage zu machen, über der das Viertel entlang des alten Straßenmusters neu entstehen sollte.

Die Tiefgarage ist auch bei den Stadterneuerungsprojekten in Tarlabasi und Sulukule ein Schlüsselelement. «Das Projekt wurde für Angehörige der Mittelklasse entworfen, die Autos besitzen und die aus Sicherheitsgründen lieber ihren Fuß nicht in die Nachbarschaft setzen wollen«, sagte die Istanbuler Professorin für Stadtplanung, Tolga Islam, dem Magazin »Al-Monitor«. Alle Häuser seien so angelegt, dass die Bewohner aus dem Auto direkt in die Wohnung gehen können.

Süleimaniye gehört zu den ältesten Vierteln Istanbuls. Wie überall auf der historischen Halbinsel ist das Viertel nicht nur voller Moscheen, Bibliotheken und Brunnen aus der osmanischen Epoche, sondern auch voll Überresten aus der byzantinischen und römischen Zeit. Noch heute sieht man viele antike Mauern. Hier eine Tiefgarage zu bauen, ist ein Albtraum für jeden Archäologen, doch genau dies war der Plan der Istanbuler Stadtverwaltung.

Denn ohne Tiefgarage keine Gentrifizierung, erklärt Esen. Sie sind der Grund, warum ganze Viertel abgerissen werden, statt die bestehenden Häuser zu sanieren. In Süleimaniye war die Tiefgarage allerdings auch der Grund, warum das Projekt per Gerichtsbeschluss gestoppt wurde und nun seit Jahren auf Eis liegt. Geblieben sind Hausgerippe und Brachflächen, auf denen sich Ballen mit Pappe stapeln.

Das osmanische Holzhaus

Holzhäuser mit Erker gelten als Inbegriff der alten Istanbuler Wohnarchitektur, dabei sind die meisten dieser Häuser ein Industrieprodukt des 19. Jahrhunderts.

Die Holzfassaden in Sulukule sind hellbraun, die Bretter an den Erkern etwas dunkler und bereits leicht verwittert. Die Häuser sind schmal, mal zwei, drei oder vier Etagen hoch. Das Holz ist nur vorgesetzt, die eigentliche Mauer aus Beton und Zementsteinen. Vorbild für die insgesamt 640 Wohnhäuser des Stadterneuerungsprojekts in dem alten Romaviertel im Schatten der byzantinischen Stadtmauer war das osmanische Holzhaus, das als Inbegriff für die alte Istanbuler Wohnarchitektur gilt, wie der Experte für Istanbuler Stadtgeschichte, Orhan Esen, bei einem Rundgang erklärt.

Dieses Holzhaus, das von lokalen Zimmerleuten gemäß den örtlichen Begebenheiten errichtet wurde, gibt es aber kaum noch. Was heute als osmanisches Holzhaus gilt, ist ein Industrieprodukt des 19. Jahrhunderts, erklärt Esen. Die Häuser wurden von Ingenieuren entworfen und aus vorgefertigten Bauteilen errichtet. Tausendfach in die gesamte Welt exportiert, finden sich noch heute zahlreiche »osmanische Holzhäuser« in San Francisco. Die osmanisierenden »Holz«-Häuser in Sulukule haben freilich weder viel mit dem echten, noch mit dem falschen Vorbild zu tun.

Syrische Flüchtlinge im Romaviertel

Gegen erbitterten Widerstand wurde das alte Romaviertel Sulukule abgerissen, doch statt der türkischen Mittelschicht kamen syrische Flüchtlinge.

Kaum ein Stadterneuerungsprojekt in Istanbul hat größeren Widerstand provoziert als der Abriss von Sulukule, das eines der ältesten Romaviertel der Welt war und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Hotspot der Istanbuler Nachtlebens. Nicht nur wohnten viele Musiker hier, sondern die Nachtlokale waren legendär. Dort wurde getafelt und getrunken, während leicht bekleidete Mädchen für die Gäste zur Musik der Romakapellen tanzten.

Sulukule war ein Ort des Vergnügens, ein Ort der Armut, eine Idylle war es nicht, doch für die Roma war es Heimat. Heute liegen die sauber gepflasterten Straßen weitgehend verlassen dar, Verkehr gibt es kaum, Menschen sind nur wenige zu sehen. Das Viertel, das sich direkt an der byzantinischen Stadtmauer über neun Hektar und ein Dutzend Blöcke erstreckt, hat nur wenige Geschäfte und kaum Cafés – darunter merkwürdigerweise zwei Koreaner.

Die 3400 Einwohner des Viertels erhielten die Option, sich mit der Entschädigung für ihren alten Häuser in Sulukule in zwei staatliche Wohnsiedlungen am Rande der Metropole einzukaufen, doch konnten sich viele die Wohnungen nicht leisten. Viele, die das intensive nachbarschaftliche Leben in Sulukule gewohnt waren, fanden die neue Siedlung steril, leblos und abgelegen, weshalb sie in angrenzende Viertel von Sulukule zurückzukehren versuchten.

Auch vier Jahre nach der Fertigstellung des neuen Wohnprojekts stehen viele Wohnungen leer. cheut die türkische Mittelklasse das Viertel nach all den Kontroversen, die selbst im Ausland für Schlagzeilen sorgten Statt der Türken sind nun viele Syrer nach Sulukule gezogen.

So geht staatliche Gentrifizierung in Istanbul: Gegen erbitterten Widerstand die eingesessenen Roma vertreiben, um Platz für die türkische Mittelklasse zu schaffen. Und am Ende kommen syrische Flüchtlinge.

Kurden mit kurzen Hosen

Die Bewohner der Zukunft tragen Shorts, Krawatte und leichte Kleider. Stadterneuerung heißt in Istanbul oft nicht zuletzt, dass die Einwohner erneuert werden.

Am Bauzaun neben der Einfahrt zur Baugrube von Tarlabasi 360 riecht es nach Urin. Unter den Gerüsten, die die letzten erhaltenen Fassaden stützen, warten Menschen auf den Bus, ein Händler bietet Socken an, auf niedrigen Hockern kann man Tee trinken. n der Ecke magere Prostituierte. Der Sicherheitsmann an der Einfahrt zur Baugrube von Tarlabasi 360 will nicht, dass Photos gemacht werden. Auch nicht von dem Plakat an dem Rolltor, das in Lebensgröße das künftige Straßenleben zeigt.

Junge Frauen mit wehenden blonden Haaren sitzen da an Caféhaustischen, eine Frau mit Einkaufstüten schlendert die Straße entlang. Auch das Werbeprospekt von Tarlabasi 360 lässt wenig Zweifel, für wen das neue Wohngebiet gedacht ist: Es zeigt blonde Frauen mit Kinderwagen, Anzugträger beim Gespräch auf der Dachterrasse, Männer mit Krawatte in der Fußgängerzone und viele junge Typen mit kurzen Hosen. Kurden tragen aber keine kurzen Hosen.

Penthäuser statt Waschsalons

Die Projektentwickler versprechen, die Interessen der Bewohner zu achten – nur können die mit Penthäusern nicht viel anfangen.

»Das farbige und glitzernde Leben, die herzlichen nachbarlichen Beziehungen, der Handel, die Kunst und das soziale Leben werden mit Tarlabasi 360 wieder zum Leben erweckt, während die Architektur und die kulturellen Werte bewahrt werden«, heißt es im Prospekt, das im schicken Projektbüro von Tarlabasi 360 gegenüber der Baustelle ausliegt. Das Stadterneuerungsprojekt, schwärmte Feyzullah Yetgin von der Immobilienholding Calik in der »Daily Sabah«, werde »eine fast ausgelöschte Geschichte wieder zum Leben erwecken« und die »historische Textur und die kulturellen Werte« bewahren.

Ob in Tarlabasi, Süleimaniye oder Sulukule: alle Sanierungsprojekte versprechen die Bewahrung der historisch gewachsenen Stadtstrukturen im Interesse der Bewohner. Alle drei Viertel sind jahrhundertealte Stadtteile mit wechselhafter Geschichte, in denen sich verschiedene Volksgruppen und Religionsgemeinden mischten. Und alle Viertel waren Orte gesellschaftlicher Randgruppen: Romamusiker in Sulukule, arme Arbeiter in Süleimaniye, kurdische Migranten, afrikanische Flüchtlinge, Prostituierte und Transvestiten in Tarlabasi.

Das Viertel gehört zu Beyoglu, dem alten Pera, einst das Viertel der europäischen Kaufleute, der Armenier, Griechen und Juden. Wie der Stadthistoriker Orhan Esen bei einem Rundgang durch das Viertel erzählt, war der Hang von der prächtigen Istiklal-Straße hinab zum Dolapdere Tal schon immer die Rückseite des Viertels, da ihm der Blick zum Bosporus fehlte. Je tiefer die Lage, so einfacher wurden die Gebäude. Ganz unten am Talboden lag die Industrie.

Seit der Vertreibung der Armenier und Griechen und dem Fortzug der Italiener und anderen Europäer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es mit Tarlabasi und dem Rest von Beyoglu bergab. Ärmere Migranten vom Land übernahmen die verlassenen Häuser der Griechen und Armenier, in den 80er Jahren kamen viele Kurden hinzu, die durch den Konflikt mit der PKK vertrieben worden waren. Den Rest gab dem Viertel dann der Bau des Bulevar 1986, sagt Esen.

Sechsspurig zieht sich die Straße in einer breiten Schneise durch das alte Pera vom Goldenen Horn zum Taksim-Platz hinauf, in der Mitte versperrt ein Zaun den Weg. Es gibt kaum Unterführungen und nur wenige Ampeln. Durch die Trennung von der Istiklal-Straße geriet Tarlabasi endgültig in Verruf und gilt heute als Viertel der Prostituierten, Kriminellen und Drogensüchtigen. Eingesessene Istanbuler würden hier niemals hinziehen, wenn sie nicht müssen, sagt Esen.

Noch heute sticht die Armut ins Gesicht. In Kellerwerkstätten werden alte Elektrogeräte wegen der Einzelteile ausgeschlachtet. Da vielen Einwohner nicht nur die Waschmaschine, sondern auch die Dusche fehlt, gibt es viele Waschsalons, in denen man auch duschen kann. Zwischen den Häusern spannen sich Wäscheleinen, auf den Straßen liegt Müll. Kinder spielen auf den Straßen, mürrische Frauen mit bunten Kopftüchern hocken auf den Eingangsstufen und rauchen.

Viele Häuser verfallen, weil die alten Eigentümer ausgewandert sind, sagt Esen. Andere sind besetzt und von den Besitzern aufgegeben. An den Mauern annoncieren Zettel Schlafplätze: pro Tag 20 Lira, pro Monat 300 Lira. Dazu politische Parolen der PKK, Plakate marxistischer Parteien, die zum Klassenkampf aufrufen. An den Ecken warten junge Prostituierte. Von den Penthäusern von Tarlabasi 360 wird sich ein grandioser Blick auf diese Nachbarschaft bieten.